In einem April, irgendwann in 2015, erkrankte ich an der Männergrippe. Kenner wissen, was das bedeutet: den sicheren Tod. Ich beobachtete die Symptome, doch war unsicher, welche Krankheit mich denn nun genau erwischt hatte, deshalb warf ich die Google-Maschine an und fütterte sie mit ein paar Buchstaben.

Bereits nach wenigen Versuchen ergaben diese einen Sinn. Nach einigen Minuten hatte ich verstanden, wie dieses Wunderwerk der Technik zu bedienen war und ich suchte nach Internetpornografie. Wieder einige Stunden später gab ich dann die bei mir vorhandenen Krankheitssymptome ein und fand so die Homepage deiner Mutter. Ich klickte mich durch ihre Bilderstrecken vom letzten Nepal-Urlaub und bestellte im Gästebuch liebe Grüße.

Eine andere Internetseite, die mir die Google-Maschine nannte, war ein Forum, in dem sich Ärzte über die Männergrippe austauschten. Scheinbar hatte Ronald Reagans Frau in den 1980ern die Männergrippe erfunden, um spätestens (!) 2016 alle Männer auf der Erde ausgerottet zu haben und mit einer blonden Perücke Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Ich hielt kurz inne und fühlte mich alt, wie jedes Mal, wenn ich die Formulierung „in den 1980er Jahren“ las. Mein linkes Bein zog seit Neuestem auch immer unangenehm, wenn es windete. Der Schmerz ging hoch bis in die Leisten. Wieder hielt ich kurz inne, hatte ich doch gerade in einem inneren Monolog die Sackristei als „Leisten“ bezeichnet. Ja, am Sack schmerzte es. Das war im Moment jedoch nicht mein größtes Problem.

Ich hatte mir offenbar die Männergrippe eingefangen und musste sie loswerden, bevor Nancy Reagans Plan aufgehen konnte. Mein erster Impuls war der naheliegendste – ich würde einfach in die Zeitmaschine springen und sie töten. Aber was, wenn ich dann in den 1980ern hängenblieb und für den Rest meines Lebens in einer Dauerwelle gefangen wäre? Nein, das wäre keine Option, ich musste die Männergrippe irgendwie anders überwinden.

Mein Revolver lächelte mich an, aber ich widerstand der Versuchung, die Viren einzeln aus meinem Körper zu schießen.

Blieben nur fünf Optionen: Zum Arzt gehen, Mutti anrufen oder eine Karriere als Stripper. Ich entschied mich – für den Moment – und ging zum Arzt. Im Wartezimmer meines Arztes, der gleichzeitig eine Heroinausgabestelle betrieb und deshalb ein Wartezimmer aus purem Gold hatte – er scherzte immer, dass das Gold bei ihm im Grunde nur den Aggregatzustand wechselte – begegnete ich allerlei komischen Gestalten, einer von ihnen formte Luftballons aus kleinen Hunden und ließ diese dann platzen. Alle anderen starrten mich mit traurigen Augen an und ich war mir sicher, dass sie von meinem Schicksal wussten. Wir nickten uns zu, mein Blick ging in die Runde. Viele konnten den Blickkontakt nicht ertragen, sahen mich an wie einen Toten. Tränen flossen. Bald wurde ich aufgerufen und die Mehrheit erhob sich und applaudierte leise. Sie wussten, ich kämpfte den Kampf des Gerechten, den Kampf, der unter Männer nur als „das innere Omaha Beach“ bekannt war, einen Kampf, den viele von uns verloren.

Ich betrat das Behandlungszimmer mit diesen Gedanken im Kopf und setzte mich auf die mit einem Papierlaken überzogene Pritsche.

„Machen Sie sich doch erstmal frei.“

Ich zog mein Hemd aus.

„Das Unterhemd auch?“

„Ja, einmal komplett frei, bitte.“

Ich zog mein Unterhemd ebenfalls aus.

Der Doktor stellte sich mit einem schwarzen Spitzen-BH vor mich, presste diesen an meine Männerbrüste.

„C’s! Ich wusste es!“

Ich blickte ihn an wie alle Frauen, denen ich in meinem Leben ein Geschenk machte, direkt nachdem sie das Geschenk erhalten hatten. Und damit meine ich keine Geschenke. Hehe. In diesem Augenblick jedoch war ich wütend. Der Arzt störte sich aber nicht an meiner Anwesenheit und war völlig fasziniert von meinen Männerbrüsten, presste den BH immer wieder gegen sie, ich hatte das Gefühl, dass er sich zusammenreißen musste, sie nicht auch noch direkt zu kneten.

„Gut, nachdem das geklärt wäre, können wir auch zu ihrer eigentlich Behandlung kommen. Atmen Sie mal tief ein und wieder aus.“

Immer noch wütend und auch ein wenig perplex ob dieser Dreistigkeit atmete ich tief ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Der Arzt setzte dieses komische Ding mit dem runden Ding vorne dran, das irgendwie mit seinen In-Ears – natürlich Beats by Dre, der Poser – verbunden war, wieder ab.

„Sie müssen jetzt sehr tapfer sein. Sie haben eine Männergrippe. Und wirklich schöne Männerbrüste.“

„DAS IST JA FURCHTBAR. Und danke. Hihihihihi, sie Schelm!“

Konsterniert zog ich Unterhemd und Hemd wieder an und verließ das Behandlungszimmer, die Worte des Arztes verhallten im Nirgendwo, ich war ganz konzentriert darauf, mich auf mein baldiges Ableben vorzubereiten. Auch die anderen Typen im Wartezimmer passierte ich ohne sie eines Blickes zu würdigen, verließ schließlich die Praxis und gelangte irgendwie wieder auf die Straße.

Ohne darüber nachzudenken, ging ich einfach in irgendeine Richtung und verlor mich völlig in meinen trüben Gedanken. Ich musste bereits Stunden unterwegs gewesen sein und kam erst im Drehkreuz des Aldis bei mir um die Ecke wieder zu Sinnen. All das Gehadere mit dem Schicksal brachte doch nichts, wenn ich schon an der Männergrippe sterben sollte, dann auch so, wie man das tut: Als Mann. Denn wie mein großes Vorbild Beyoncé schon sagte: Ich bin ein Survivor. Da könnte mein anderes Vorbild, Europe, dies so viel zum finalen Countdown deklarieren wie es wollte!

Ich beschloss, zum Sterben in den Wald zu fahren und stieg deshalb in die S2 nach Blankenfelde.