Wie jeder normale Mensch in den letzten Wochen der Presse entnehmen konnte, habe ich am 20.04.2015 „RATATATATA: Das gefährlichste Buch der Welt“ veröffentlicht. Der Weg dahin war nicht immer besonders klar, natürlich beging ich dabei einige Fehler, aber gleichzeitig habe ich dabei sehr viel gelernt und das wollte ich hier einmal aufschreiben.

Das Schreiben des gefährlichsten Buches der Welt

Wenn man ein Buch veröffentlichen will, muss man es erst einmal schreiben. Ende 2012 erhielt ich eine E-Mail von einem Literaturagenten, der, wie jeder normale Mensch, ein Fan der Webseite derbe.de war und mich fragte, ob ich denn schon einmal darüber nachgedacht hatte, ein Buch zu veröffentlichen. Tatsächlich hatte ich das. Zu dem Zeitpunkt umfasste mein Evernote-Ordner mit „Slamtexten“ exakt 50 Texte und mein Plan war es, nach 100 Texten ein Buch zu schreiben, weil ich mir einredete, dass ich diese Barriere passieren müsste, um „gut genug“ zu sein für ein Buch epochalen Ausmaßes und nichts anderes verlangte ich von mir. Nach einem Treffen mit dem Agenten war der Plan geschmiedet: Ich würde erst einmal 3 Kapitel schreiben und wir uns dann noch einmal zusammensetzen und alles besprechen, Verträge oder sonstiger rechtlicher Kram waren noch kein Thema, Politiker würden von einem „informellen Treffen“ reden, bzw. abstreiten, dass es dieses je gab. Es vergingen ein paar Monate, in denen ich das Schreiben prokrastinierte, am Ende hatte ich aber 3 Kapitel fertiggestellt – „Fickende Schafe“, „Das Döner-Dilemma“ und „BAUM“ und diese dem Literaturagenten per Mail zugeschickt. Die Quintessenz seines Feedbacks: Da fehlt der rote Faden, man lernt gar nichts über die Hauptfigur.

Als großer, literarisch eher unbedarfter Trottel war dieses Feedback ein wenig verwirrend, nach ein paar Überlegungen beschloss ich dann, die Geschichte – damals noch unter dem Arbeitstitel „Doktor Konrad Tornado und seine Abenteuer in der Realität“ – in einer Pseudobiografie zu verpacken. Da ich meine eigene Biografie am besten kannte, versuchte ich dann auch, diese zur Orientierung als Vorlage zu benutzen. Die ersten paar Kapitel zur Kindheit schrieben sich quasi von selbst – vermutlich war die zeitliche Distanz mittlerweile so groß, dass all meine Erinnerungen an diese ohnehin halbausgedacht waren. Dann kam jedoch die Zeit nach der Pubertät und mir fiel auf, dass meine eigene Biografie überhaupt nicht lustig ist und der Versuch, meinen Abiball irgendwie in Nonsens zu verpacken, sorgte bei mir für so viel Langeweile, dass ich das Schreiben sein ließ. Eine andere Deutung wäre, dass mich diese kreative Herausforderung so überfordert hat, dass ich klein beigab (Laut „Duden“ schreibt man das so. Nee, echt.), aber dies ist meine Version der Geschichte und deshalb war es Langeweile und außerdem musste ich warten, bis die Waschmaschine fertig war und dann die Welt retten.

Im Laufe dieser Zeit versuchte ich immer wieder, neu anzufangen, probierte Ansatz um Ansatz, konnte jedoch mit diesem mir selbst auferlegten Konzept einfach nichts anfangen mein Schreiben diesem nie richtig unterordnen – es blockierte mich. Vielleicht keine klassische Schreibblockade, bei der man überhaupt nichts aufs Papier bekam, aber Blockade genug, um nach außen „ewig“ zu brauchen.

Irgendwann, es war wahrscheinlich beim Popeln oder beim Duschen, wurde mir dann bewusst, dass es sich bei diesem Buch ja um MEIN Buch handelte und ich die Regeln dafür vorgeben konnte. Es war mittlerweile ein flockiges Jahr vergangen und der von diesem Literaturagenten vorgegebene Zeitrahmen deutlicher gesprengt als Kim Kardashians Arsch nach dem Video mit Ray J. Tschuldigung. Die Feststellung, die Regeln selbst festlegen zu können, wie und vor allem was ich schrieb, löste in mir einen Knoten. (An dieser Stelle hört man in meinem Kopf ein Furzgeräusch.) Klar, diese Pseudobiografie würde irgendwie noch Teil des Buches sein, aber die allzu autobiografischen Aspekte löschte ich, bzw. kürzte sie sehr stark zusammen und beschränkte mich bei den neuen Inhalten gänzlich darauf, was mir beim Schreiben schon immer am meisten Spaß machte: Die absurdestmögliche Geschichte in einem realistischstmöglichen Szenario so vulgär wie möglich zu erzählen. Es vergingen ein paar Wochen und die ersten 30 Seiten waren fertig, der Literaturagent jedoch nicht mehr wartend und ich plötzlich nur noch irgendein Typ mit irgendeinem Manuskript. Irgendwann Anfang 2014.

Dann war abseits der Tastatur viel los und es verging wieder ein knappes Jahr, bis ich an meinem 33. Geburtstag feststellte, dass ich endlich mal fertig werden sollte. Ich beschloss, von nun an jeden Tag mindestens eine Stunde lang zu schreiben und konnte so jeden Tag mitverfolgen, wie das Buch mehr und mehr Gestalt annahm, der Charakter „Doktor Konrad Tornado“ mehr und mehr der gefährlichste Mensch der Welt wurde und in mir wuchs die Gewissheit, mit der Besinnung auf meine eigentlichen Stärken alles richtig gemacht zu haben.

Während dieses ganzen Prozesses lernte ich eine Schreibsoftware – „Scrivener“ – kennen und lieben. Was „Final Draft“ mal für Drehbuchautoren war, ist dieses Programm für Romanautoren. Alles doppelt und dreifach gebackupt. Jedes Kapitel ein einzelnes Dokument, diese wiederum lassen sich beliebig anordnen und am Ende kann man sich per Knopfdruck auf „Zusammenstellen“ das ganze Produkt ausgeben lassen. In jedem gewünschten Format – EPUB, MOBI, PDF, DOC, 187STRASSENBANDE, usw. Gute Bezahlsoftware, sollte man nutzen. 10/10 RATATATATAs.

TL;DR: Beim Schreiben habe ich gelernt, dass es nichts bringt, einen stark konzeptionellen Ansatz zu verfolgen, da dieser ein komplett unterschiedlich zu meinem (die Amerikaner nennen es „stream of consciousness“) ist. Grenzen und Normen VS. Keinfickgeben und Einfachmachen. Und: Scrivener ist voll das gute Programm ja schwöre.

Das Veröffentlichen des gefährlichsten Buches der Welt

Nachdem ich für die ersten 30 Seiten – Literaturmenschen nennen das, glaube ich, Exposé – zu lang gebraucht hatte, stand ich ohne Literaturagenten da und musste mir die grundsätzliche Frage stellen, ob ich das Buch selbst herausbringen oder das einen Verlag regeln lassen wollte.

Beide Varianten haben in meinen Augen mehrere Vor- und Nachteile.

Veröffentlichen bei einem Verlag

Vorteile:

  • Größerer Kuchen
  • weniger organisatorischer Aufwand
  • Promoexemplare

Nachteile:

  • starres Korsett an Veröffentlichungsterminen
  • viel Vorlaufzeit
  • Einflussnahme auf den kreativen Prozess
  • Nur noch ein Stück vom Kuchen
Größerer Kuchen

Bei einem Verlag zu veröffentlichen hat den großen Vorteil, dass selbst Hans und Susi aus Hinterfurzingen in der Lage sind, dein Buch im Buchhandel zu finden und kaufen zu können. Die Verlage haben dadurch, dass sie das schon machen, seit man sie noch unbedingt brauchte, den Reichweitenvorteil. Dazu gehört das Komplettpaket, bestehend aus Deals mit den ganzen Großhändlern, den Telefonnummern irgendwelcher Pressefuzzis auf Kurzwahl und der Zugang zu ISBN-Nummern und einer Eintragung ins „Verzeichnis lieferbarer Bücher“.

Weniger organisatorischer Aufwand & Promoexemplare

Das alles führt dazu, dass man sich im Grunde nur ums Schreiben und (nach Feedback durch irgendwelche Lektoren) Korrekturschreiben kümmern muss. Eventuell muss man noch herausfinden, wem man ein Promoexemplar zukommen lässt, damit derjenige sich wohlwollend über die eigene Veröffentlichung äußert. Klar, die Verlage fahren dich nicht von Lesung zu Lesung, aber im Idealfall organisieren sie dir einen Platz beim Lesefest mitteldeutscher Fantasylyrik und du musst nur dafür sorgen, dass du möglichst unterfickt aussiehst und in der Menge nicht sonderlich negativ auffällst.

Starres Korsett an Veröffentlichungsterminen & Viel Vorlaufzeit

Für mich der ausschlaggebendste Grund für den Selbstverlag war die lange Vorlaufzeit vor einer Veröffentlichung, da Verlage einen festen Veröffentlichungszyklus haben – einmal im Frühjahr, einmal im Herbst – in das DEIN Veröffentlichungstermin dann reingepresst wird. Passt es diesen Herbst nicht mehr? Schauen wir mal im nächsten Frühjahr. Oder im nächsten Herbst. Das kann man gut finden oder schlecht, mit diesen festen Terminen ist natürlich auch eine wohlkalkulierbare Vorlaufzeit verbunden, denn diese Pressefuzzis von der Kurzwahltaste bringen jeden Herbst ihre Übersicht über „die spannendsten Neuveröffentlichungen“. Mir hat der Gedanke, noch weitere 2 Jahre warten zu müssen, bis das gefährlichste Buch der Welt Realität wird, Angst gemacht. Erst recht, weil es keinen Grund gab, auf den „richtigen“ Zeitpunkt zu warten, das gefährlichste Buch der Welt passt schließlich immer.

Einflussnahme auf den kreativen Prozess

Irgendwann hatte ich mit Ada Kreuzberg (bürgerlicher Name Cordula Spandau) über das Thema Selbstverlag geredet und die Einflussnahme von irgendwelchen Verlagsmenschen war ihr größter Kritikpunkt, der sie damals dazu brachte, ihr Buch ebenfalls im Selbstverlag rauszubringen. Ich selber bin viel zu ignorant, um mir von irgendwelchen Germanistikern reinreden zu lassen und kann Kritik nur ernst nehmen, wenn ich dessen Absender für seine eigene Arbeit als Schreibenden respektiere und deshalb war das ein Punkt, vor dem ich große Angst hatte. Wer das gefährlichste Buch der Welt gelesen hat, wird wissen, dass es da einige Anlässe für korrigierende Einwände gegeben hätte. Wer das gefährlichste Buch der Welt gelesen hat, wird allerdings ebenfalls wissen, dass das an ein, zwei Punkten vielleicht sogar notwendig gewesen wäre.

Nur noch ein Stück vom Kuchen

Das hab ich nur als Nachteil aufgeschrieben, weil es in der Theorie so ist. Die größere Reichweite der „richtigen“ Verlage macht den Kuchen größer, von diesem bekommt man jedoch wiederum nur noch ein Stückchen und nicht mehr den gesamten. Wenn hier jemand Zahlen hat, kann er die gerne als Kommentar hinterlassen, ich bin kein Journalist und weiß nur mithilfe der Autokorrektur, wie man „Recherche“ schreibt.

Veröffentlichen im Selbstverlag

Vorteile

  • Volle kreative Kontrolle
  • Dein Buch, dein Kuchen

Nachteile

  • Organisatorischer Aufwand
  • Kleinerer Kuchen
Volle kreative Kontrolle

Es ist dein Buch, du veröffentlichst es selbst, also redet dir niemand rein. Ganz einfach. Du entscheidest, wie das Buch heißt, wie das Cover aussieht, wie der Inhalt aufgebaut ist, wie und wo das Buch beworben wird und in welcher Schriftart der Haftungsauschluss verfasst ist. Du wirst vom Word-Dokumenten-Lieferant zum Autoren und Herausgeber.

Dein Buch, dein Kuchen

Wenn du das Buch selbst rausbringst, hast du volle Kontrolle darüber, wie viel du von dem Kuchen kriegst. Du willst, dass das Buch in jedem Buchhandel Deutschlands im Regal liegt? Besorg dir ne ISBN und lass es im „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ eintragen – kostet jedoch beides jeweils n knappen Hunderter pro Jahr. Du willst, dass das Buch als E-Book in jedem „Store“ der Welt – iTunes, Google Play, Amazon, usw. usw. usw. usf. – verfügbar ist? Dann lad es da hoch und gib denen (meist so circa) 30% ab. Du hast keinen Plan von der Technik und willst lieber jemanden das übernehmen lassen? Hol dir einen Dienstleister, das kostet dann aber nochmal. Natürlich von deinem Stück. Klar, der Kuchen ist kleiner, aber du hast eben auch die volle Kontrolle.

Organisatorischer Aufwand

Großer Nachteil: Du musst dich wirklich um ALLES kümmern. Das ist nicht viel? Meine To-Do-Liste war zwischendurch länger als das Buch.

Willst du das Buch drucken lassen? Wenn ja, wo? In was für einem Format musst du dein Geschriebenes dann exportieren? Ist bei der Formatierung irgendwas zu beachten? Was für eine Papiersorte? Was für eine Umschlagsorte? Ich entschied mich erst dazu, bei Laserline drucken zu lassen, wurde da von einem Azubi im 1. Lehrjahr allerdings schlecht beraten, weshalb die 1. Auflage einen hässlichen Satzspiegel hatte und erst der Wechsel der Druckerei zu SDL inklusive Beratung durch einen Profi sorgte dann dafür, dass das physische Buch jetzt (zumindest, was das Aussehen anbetrifft) über jeden Zweifel erhaben ist.

Wie regelst du das mit dem Versand? Zuerst setzte ich mich jeden Abend hin und beschriftete Versandumschläge selbst und brachte die dann zur Post, aber wenn die mal zu hat, stehste doof da. Das übernimmt seit der zweiten Auflage ebenfalls die Druckerei.

Willst du ein E-Book? In welchen Formaten? Was ist dabei zu beachten? Willst du es in alle gängigen Downloadstores stellen, überhaupt: Wo willst du verkaufen? Ich entschied mich dazu, das alles über derbe.de zu vertreiben, weil amazon.com oder mybookeo.org oder wie diese Seiten heißen alles zu sperrig war. Außerdem sollte es nicht umsonst sein, dass ich 5 Jahre umsonst Informatik studiert hatte! Das zog allerdings mit sich, dass ich eine Shop-Lösung installieren musste, in diesem Fall „WooCommerce“, das auf WordPress aufsetzt. Welche rechtlichen Vorgaben muss man erfüllen? Ein SSL-Zertifikat musste bestellt und eingerichtet werden.

Willst du das Buch bewerben? Wo? Wie? Warum überhaupt? Hier hatte ich keinen richtigen Plan und drehte ein paar blödsinnige YouTube-Videos. Würde ich wieder so machen, nur besser konzertiert und punktueller, aber hochwertiger.

Also: wirklich viel organisatorischer Kram.

Kleinerer Kuchen

Wenn du im Selbstverlag veröffentlichst, ist der Kuchen wesentlich kleiner und lediglich auf deine eigene Reichweite beschränkt. Es gibt da natürlich Mittel und Wege, z.B. Influencer Marketing, also buzzwortfrei „Blogger mit Promokopien zuscheißen und hoffen, dass sie irgendwas darüber schreiben“, um die eigene Reichweite zu vergrößern, aber dazu war ich zu stolz. Das Buch haben exakt 5 Leute umsonst bekommen (Mutti, die Misses, der für das Logo verantwortliche gefährlichste Grafiker der Welt und meine beiden besten Freunde), der Rest kann es sich kaufen – oder nicht. Und dann kann es ihm gefallen – oder nicht. Die zwei Wochen nach der Veröffentlichung waren für die Menschen, die mir in sozialen Netzwerken folgen, sehr sehr schwere, da ich wie ein Marktschreier ununterbrochen für das gefährlichste Buch der Welt warb. Widerstrebt mir ja auch, aber in dieser Aufmerksamkeitsökonomie konkurriert mein Buch mit Überwachungsskandalen, Kim Kardashians Arsch und DSDS.

TL;DR: Selbstverlag ist awesome, wenn man Kontrollfreak ist und Germanisten hasst.

Unterm Strich war es eine lehrreiche Erfahrung. Durch den Selbstverlag und die nun vorhandenen Strukturen, bin ich jederzeit in der Lage, weitere Bücher zu veröffentlichen und habe bereits 2 weitere Bücher in Planung. Das nächste große Abenteuer wird die Erstellung des gefährlichsten Hörbuches der Welt, damit wird im Juni begonnen. Aber dazu dann hier mehr. Falls ihr das Buch gekauft habt: Danke. Falls ihr das Buch noch nicht gekauft habt: WAS IST LOS MIT EUCH? Hier gibt es das Buch.

So. Ich hab bestimmt irgendwas vergessen. Falls ihr Fragen habt: immer her damit! Falls es zu viele sind, pack ich das in einen weiteren Artikel zu dem Thema.