sonderzug nach wusterwitz

„sonniges wetter, ich streiche mir den schweiß von der stirn. es ist dienstag, 13uhr und die straßenbahn kommt gleich. plötzlich rollt eine draisine an der haltestelle vorbei, gesteuert von boris becker und franz beckenbauer, direkt gefolgt von einer weiteren, auf der vera am mittag und naddel mich in bikinis daran erinnern, dass mein magen leer ist.

doch gerade als ich bunte chefredakteuresse patricia rinkel per mobiltelefon meine sichtung mitteilen will, kommt die tram. ich steige also ein und merke bei einem unauffälligem blick nach unten, dass hellgraue baumwolle bei schweiß dunkelgrau wird. noch dazu scheinen magdeburger straßenbahnen partout auf öffenbare fenster verzichten zu wollen, was zusammen mit dem als heizung wirkenden motor einen öligen film auf meine haut zaubert, bei der robben neidisch mit den flossen klatschen würden. nach ein paar stationen fällt mir auf, dass ich gar nicht genau weiß, wann ich aussteigen muss. ich lehne mich also nach vorn und spreche eine im aussteigen begriffene ältere dame an, wo es denn hier zum hauptbahnhof ginge, woraufhin sie freundlich und bemerkenswert akzentfrei eine wegbeschreibung ausspuckt. als ich dann 3 stationen später aussteige, fällt mir auf, dass die stellen meiner haut, die von der wegbeschreibung getroffen wurden, unangenehm brennen. auf dem weg durch die magdeburger innenstadt schaue ich in beide schaufenster und bin erstaunt über die möglichkeiten visafreien einkaufens. am bahnhof angekommen begebe ich mich zum fahrkarteneinkaufsbereich, der mit fussabdrücken auf dem boden und absperrkordel an einen bankschalter erinnert. schließlich an der reihe kaufe ich nun also meine fahrkarte.

– einmal nach berlin, bitte.
– oh, ich sehe gerade, sie sind übersät mit roten flecken, ihr geruch ist auch etwas abstoßend. ich werde sie in die hm-klasse setzen.
– was bitte ist die hm-klasse?
– äh hautbenachteiligte müffler.
– hm, wäre es möglich, ein eigenes abteil zu bekommen?
– da müßten sie reservieren, moment, ich ruf mal eben die kollegin an.

sie schnappt sich daraufhin ihr mit zahlreichen kurzwahlknöpfen versehenes telefon, auf dem ein pelziges kuscheltier über einen klebestreifen festgeklebt ist und telefoniert, ich lausche abwesendschauend.

– ja, ich bräuchte hier ne reservierung. ja, 14:04 nach berlin, hm, so rote flecken und penetranter schweißgeruch. ist relativ groß und breit. ja. ok, danke.
sie legt auf, lehnt sich nach vorn und spricht mich etwas an.
– war eine reservierung möglich?
– ja, das macht aber einen aufpreis von 10€, plus 20€ bearbeitungsgebühr.
– grad fällt mir ein, dass ich mich nicht verarschen lasse. bitte ein normales ticket ohne reservierung.
– die 20€ bearbeitungsgebühr werden aber trotzdem fällig, die arbeit wurde ja schon geleistet.
– ist das ein scherz?
– sehe ich aus wie jemand, der was zu lachen hat?

nach etwa 10 minuten ungehaltener beleidigungen meinerseits und nüchternen bestehens auf bezahlung der 20€ von der fahrkartenverkäuferin ihrerseits einigen wir uns schließlich darauf, dass ich mich hinter dem bahnhof vom sicherheitspersonal zusammenschlagen lasse und im anschluss die mittlerweile auf 50€ gestiegenen bearbeitungskosten euphorisch zahle. anschließend begebe ich mich zu gleis 8 und setze mich auf eine bank, um mir eine kippe anzustecken und erst einmal durchzuatmen, die sonne etwas zu genießen. ich muss kichern, als ich einen mann in den 60ern mit brauner cordhose und rotgestreiftem, nicht ganz über den bauch passenden beigefarbenen polohemd im sogenannten raucherbereich mit einer kippe sehe. zumindest scheint er diesen bereich, den, um den einzigen aschenbecher auf dem bahnsteig, in einem radius von 50cm, als diesen zu verstehen. schließlich fährt der zug, ein regionalexpressdoppelstockzug, ein, und ich suche mir einen platz in der ersten etage, da der zug an diesem bahnhof startet sind noch alle plätze zur auswahl. ich entscheide mich für eine 4ersitzgruppe, bestehend aus 2 gegenüberliegenden sitzen mit einem kleinen tischchen und durchsichtigem fenster. als ich es mir gerade bequem machen will, steigt eine dame in den 40ern zu und sucht sich ebenfalls einen platz in derselben etage. zu meiner verwunderung wählt sie einen 2erplatz direkt neben mir, merkt dann aber während des lesens einer zeitung beim umblättern, dass die etlichen anderen 4ersitzgruppen hierfür wohl besser geeignet sind, daher setzt sie sich 3 reihen weiter hinten hin und raschelt mit ihrer zeitung, so, daß ich an michael douglas in falling down denken muss. zum glück habe ich einen discman dabei, mache die mucke an, augen zu, sonne auf den kopf strahlend versuche ich zu entspannen. ich muss eingeschlafen sein, das erste, was ich mitbekomme, ist, dass ich vornüber auf meinen rucksack falle, aus dem carsten spengemann und jürgen lippert sich gerade bedienen wollen. mit der anscheinenend gezogenen notbremse haben sie nicht gerechnet, weshalb sie sich einen notfallhammer, angebracht an der wand zwischen den fenstern, schnappen, die scheibe einschlagen und springen. bevor ich mich fragen kann, was ein omnibusnotfallhammer in einem reisezug macht, wieso sich zwischen dem fenster neben meiner sitzgruppe und dem davor der anscheinend einzige hammer im gesamten waggon befand, weshalb auf dem platz neben mir eine handtasche liegt und mein hosenstall offen ist, fällt meine kinnlade bis ins erdgeschoss: tyra kommt den gang entlang und sie lächelt mich an. als sie dann auch noch die handtasche aufhebt, sich neben mich setzt und auf tuchfühlung geht, verstehe ich gar nix mehr. naja, und den rest haste ja in der tagesschau gesehen.“

– haha, so war das doch auf keinsten!
– tüllich, alter!
– der kaiser auf ner draisine? was is überhaupt ne draisine? dann, seit wann gibt es bei der bahn eine klasse nur für müffler?
– …hautbenachteiligte müffler…
– wieauchimmer, spengemann und lippert? und tyra. hallo? TY-RA?
– naja, ok, ein bißchen hab ich hinzugefügt. aber graue t-shirts sind echt unkool bei dem wetter. und noch dazu merk ich erst in berlin in der u-bahn, dass ich am morgen deo vergessen hab. ich bin in ner verkackt vollen bahn nach hause gefahren mit angelegten oberarmen an so ner querstange festgehalten und hab wie ein eichhörnchen geguckt, ob’s jemand gemerkt hat.