momente der peinlichkeit 1/erschieß mich, bitte

letztens stand ich an der supermarktkasse und bezahlte mit ec-karte. die verkäuferin las so angeregt, wie dies bei einer ec-karte eben möglich ist, auf dieser herum, bis sie schließlich auf ihre brust zeigte und fragte, ob ich denn wirklich so heiße. ich wunderte mich, welchen zusammenhang es zwischen „titte“ und meinem namen geben könnte, doch während ich auf ihre brust starrte, fiel mir auf, dass daran ein namensschild hing. „frau sylvester“. zuerst musste ich an eine kurze episode vor 5 jahren denken, in der ich hauptberuflich so hieß, dann realisierte ich, dass ihr nachname mein vorname war. ich wollte sie gerade darauf ansprechen, dass wir ja heiraten könnten, damit ich silvester sylvester hieße und damit den unfassbar awesomesten namen jemals, wo gibt, aller zeiten hätte, als mir wieder einfiel, dass sie ja eine frau ist und sich dazu in einen mann umoperieren müsste und ich mich dafür in eine frau. zuviele informationen, bilder und logistische überlegungen schossen in mein gehirn: „wohin mit dem überschüssigen penismaterial?“, „tauschen wir dann einfach? ich krieg ihr gemüse und sie kriegt mein naja…?“, „sollten wir den umzug durchziehen, während wir beide gerade männer sind, damit das möbeltragen leichter fällt?“, daher brachte ich nur ein kurzes „also, wir, wir, wir sollten…“ hervor, während ich mit der einen hand die ec-karte und den kassenbon zurücknahm und mit der anderen auf meinen schritt zeigte. in ihrem gesicht erkannte ich dieselbe mischung aus ekel und verwirrung, die mein urologe damals beim ersten termin an den tag legte. erst beim einpacken der waren in meinen rucksack erinnerte ich, dass wir 2011 hatten und männer inzwischen die nachnamen von frauen annehmen können und diese schrittzeigegeste wohl irgendwie aufdringlich und eventuell auch pervers wirkte. da mir das ganze mittlerweile ein wenig unangenehm ist, schleiche ich mich seitdem immer an die kasse an und luge hinter dem regal in der nähe dieser hervor, ob an irgendeiner von ihnen „frau sylvester“ sitzt. den einen tag verbrachte ich 4 stunden damit, instantsuppenpackungen zu studieren, bis ihre schicht endete.

und ich wünschte, diese momente der peinlichkeit würden immer nur wenige minuten andauern. unangenehm wird es, wenn man sich bei jemandem blamiert und dann mehrere stunden mit dieser person verbringen muss. bei mitfahrgelegenheiten zum beispiel. da mich eine horde in einen bus einsteigender schulkinder in meiner roten jacke gerade als „dicken marienkäfer“ verspottet hatte, wusste ich, dass ich in dieser jacke dick wie ein marienkäfer aussehe. dieses wissen wollte ich nutzen, als eine recht süße mitfahrerin ebenfalls eine rote jacke trug. als der wagen hielt, menschen sich diesem zum einsteigen näherten und sich so aus den herumstehenden personen die mitfahrer herausstellten, sprach ich sie an mit einem „HEY, WIR SIND JA MARIENKÄFERSCHWESTERN!“. sie nutzte diese hervorragende vorlage, um euphorisch „ja, wir haben beide rote jacken.“ zu sagen, ins auto zu steigen und mich zu ignorieren. der zweite andere mitfahrer wollte ein gentleman sein und bot mir den beifahrersitz an, was ich, als gentleman, natürlich nicht einfach so annehmen konnte, weshalb ich ihn auf eine partie schere-stein-papier einlud, aber erst, nachdem ich ihm mehrfach versicherte, dass schere-stein-papier ja total dämlich sei, weil jeder vollidiot wisse, dass man einfach nur stein zu nehmen brauchte. er gewann schließlich, weil er papier nahm. ich durfte also hinten sitzen, neben meiner marienkäferschwester. beim anschnallen stellte ich fest, dass der gurt einen bondagefetisch hatte, wodurch ich aber zumindest sicher verstaut war. der gentleman auf dem beifahrersitz bot mir mehrfach an, dass wir ja plätze tauschen könnten, aber die aussicht, neben meiner marienkäferschwester zu sitzen, war für mich grund genug, bauch und kopf ein- und die füße anzuziehen. während der zweistündigen fahrt blickte ich immer wieder zu ihr hinüber und versuchte mich an dem, was in meiner welt als flirten durchgeht – einem freundlichen lächeln, das irgendwo schwankt zwischen „es tut mir leid, dass ich dich gerade vergewaltigt habe, aber das medikament ließ nach“ und „bitte fütter mich“. irgendwann dämmerte mir, dass „marienkäferschwestern“ implizierte, dass ich eine schwester, also womöglich schwul oder in wirklichkeit eine frau, sei. ich wollte diesen irrtum gerade aus der welt räumen und sie antippen, um ein gespräch zu initiieren, als sie sich nach vorn beugte, um ihr klingelndes handy aus dem rucksack zu kramen, wodurch sie mit ihrer rechten titte gegen meine ausgestreckte hand stieß. leider hatte ich nachwievor mein flirtlächeln aufgesetzt, weshalb sie dies wohl für absicht hielt und ihrem freund oder haustier am telefon auch gleich mitteilte. ach, der würde mir zeigen, was er davon hielt, wenn er sie abholt? resignierend hörte ich auf, den bauch einzuziehen, wodurch sich der gurt noch weiter in mich einschnitt, ich vom schmerz aufschreckte und mir den kopf stieß. als ich dann nach rechts aus dem fenster des fahrenden autos blickte, sah ich den bus von der abfahrt vorhin, der mit dem marienkäfer, darin: lachende und auf mich zeigende schulkinder.