Mecklenburg-Vorpommern

Peenen, das: Die Handlung, durch Kleidung bedeckte, männliche Genitalien an Objekten zu reiben, siehe: Anpimmeln, das.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es einen Ort namens „Peenemünde“. Als wir im kleinen Kreis beschlossen, dieses Bundesland im Norden der heutigen DDR zu besuchen, sah ich mich bereits mit einem Bandscheibenvorfall im Stadtzentrum Peenemündes liegen, meinen Schritt mit leichten Zuckungen an einem Prospekt des örtlichen Tourismusverbandes reibend. Aber es sollte alles ganz anders kommen. Mehrmals. Ins Gesicht meiner Erwartungen. Wie immer.

Beim Einsteigen in den Kleinwagen, der uns in dieses Land vor unserer Zeit bringen sollte, verlor ich meinen linken Unterschenkel. Zum Glück war ich zu diesem Zeitpunkt vollgepumpt mit Drogen. Zum Pech befanden sich diese in meinem Arsch, wir erhofften uns von eingeschmuggeltem Großstadt-Kokain astronomische Profite. Der Schmerz ließ mich zusammenzucken und verkrampfen, die Angst über dadurch möglicherweise platzende Kokain-Ballons wieder entspannen. Drei Stunden am Stück. Immer und immer wieder.

Schließlich erreichten wir „Lubmin“, ein kleines Städtchen mit eigenem Atomkraftwerk wie Springfield oder Hitler. Wir kurbelten die Autofenster runter und solidarisierten uns durch ausgestreckte rechte Arme mit dem Pöbel. Blumen wurden geworfen, Babys an die Autofenster gereicht – einige davon sogar genießbar – im Großen und Ganzen also schon recht früh im Urlaub eine gute Zeit gehabt. Die Menschen trugen unser Fahrzeug auf ihren Händen zu einem Palast aus feinstem Inzucht, dem wertvollsten Gut Mecklenburg-Vorpommerns. Wir wussten diese Geste der Gastfreundschaft zu schätzen, warfen wahllos einzelne Buchstaben aus einer Fertig-Buchstabensuppe ins Volk und erhöhten so in diesem Teil der Dunkelheit die Alphabetisierungsquote um 17.000%. Während die Tür langsam ins Schloss fiel, konnten wir sehen, wie einige der Leute ihr eigenes Konterfei in Pfützen erkannten, in diese hineinschlugen und dann fasziniert starrten. Wir atmeten aus. Blickten uns in dem Palast um. Die Wände waren voll mit Mike-Werner-Plakaten im stilisierten Andy-Warhol-Look. Die Sitzgelegenheiten waren geformt wie das Gesicht von Achim Mentzel. Ich wollte nicht auf seinem Bart sitzen. Keiner von uns wollte. Wir beschlossen, einfach schnell schlafen zu gehen, am nächsten Morgen würde die Welt schon ganz anders aussehen, ein Besuch am Strand und die frische Meeresluft uns gut tun.

Wir gingen alle in unsere Schlafzimmer. Augenblicke später kam aus allen 5 ein lauter Schrei. Wir trafen uns im Flur. Einer nach dem anderen erzählte von einem nackten Wolfgang Lippert, der die Bettdecke beiseite geschlagen mit dem Finger in seine Richtung – genauer gesagt in der seines Schrittes – gestikulierte. Für einen Moment überlegte ich, wo 5 Wolfgang Lipperts herkommen könnten, aber dann erinnerte ich mich, dass ALLE Personen, die uns bisher in Mecklenburg-Vorpommern begegneten, wie Wolfgang Lippert aussahen. Ich konnte den Gesichtern der anderen ablesen, dass sie ebenfalls gerade zu dieser Erkenntnis gelangt waren. Vermutlich werden Achim Mentzel und Mike Werner hier deshalb so verehrt, dachte ich. Billy rief mit dem in den Himmel ragenden Finger der Erkenntnis: „Vermutlich werden Achim Mentzel und Mike Werner hier deshalb so verehrt!“. Wir mussten hier weg. Leider waren von der langen Fahrt und dem ausdauernden Geknalle mit der Peitschen-App die Handyakkus ausgelaugt, weshalb wir nach Steckdosen suchten. Wir wurden schließlich fündig. In Schleswig-Holstein. Bob hatte zum Glück ein Verlängerungskabel dabei, das bis zum Palast zurück reichte. Dort überkam mich leichte Panik, dass wir diesen Ort niemals verlassen würden. Billy rief, diesmal mit dem in den Himmel ragenden Finger der leichten Panik: „Was, wenn wir diesen Ort niemals verlassen werden?!“. 10 aufgerissene Augen. 5 Schreie. 5 wie kopflose Hühner durch die Gegend laufende Touristen. 5 mit Köpfen ausgestattete Touristen, die im Rahmen dieser Panik mit eben jenen Köpfen gegeneinander laufen und sich so ausknocken. Stille. Als ich erwachte, war ich schwanger. Billy rief mit dem auf meinen Pimmel zeigenden Finger der Erinnerung an meine Fettleibigkeit „Der Dicke denkt wieder, dass er schwanger ist!“. Nie wieder Urlaub mit einem sprechenden Regal. Ich kämmte mir die Haare zum Seitenscheitel, ging zur Vordertür und forderte das Volk auf, meine Leute gehen zu lassen. Das Volk schien nicht zu verstehen. Ich versuchte es mit hochgerissenen Armen und „WIR SIND DAS VOLK! WIR SIND DAS VOLK!“. Plötzlich wuchsen allen Anwesenden Jeansjacken. Der Mob begann, sich Richtung Leipzig zu bewegen. Wir sprangen in den Kleinwagen, fuhren quer durch die Menge, die uns auf das Dach klopfte und erreichten drei Stunden später schließlich Berlin. West.