Sand zwischen meinen Zehen, das Meeresrauschen, in der Ferne hört man ein paar Möwen, in meinem Kopf herrscht Leere, ich genieße den Moment, will mich am liebsten in eine Düne fallen lassen und ein mittelmäßiges Bier trinken, aber werde von der kleinen Stimme in meinem Hinterkopf davon abgehalten, die „ZIEH DIR SCHUHE AN, DIE LEUTE KÖNNEN DEINE FÜSSE SEHEN!“ schreit. Diese Sache mit der Sehnsucht ist nichts für mich.

So war es schon damals, als ich, meine ständige innere Unruhe als großes Problem selbstdiagnostizierend, aus der Stadtbibliothek diese eine CD mit Meditationsmusik auslieh, um endlich mein inneres Gleichgewicht herzustellen. Kleinlich arbeitete ich die Anweisungen im Booklet ab, legte die CD ein, drückte auf Play, setzte mich auf ein Kissen, genauer: schob ein Kissen unter meinen Arsch und versuchte, in mich zu gehen. Aber schon in dieser Situation hatte ich die kleine Stimme im Hinterkopf, dieses Mal schrie sie „MEIN SACK IST EINGEKLEMMT!“. Ich beschloss, meinen eingeklemmten Sack zu ignorieren und weiterzumeditieren, doch musste dabei ständig an meinen Sack denken, weshalb ich genau jetzt in diesem Moment des Schreibens dieser Geschichte daran denken muss, dass deine Mutter beim Meditieren wahrscheinlich stets dasselbe denkt wie ich damals dachte, obwohl ich damals nie gedacht hätte, dass deine Mutter fähig wäre, so etwas zu denken.

Vermutlich ist es immer die einfachste Lösung, Dinge zu verkomplizieren. Vielleicht ist das aber auch der einzige Weg, der nicht langweilig ist. Wie kommt man am einfachsten von A nach B? Indem man von A nach B geht. Welcher Weg ist interessanter? Der, bei dem man bei A in die Sockenschublade pisst, ihm dann einen Spaziergang vorschlägt, wo er sich dann wegen seiner nassen Socken eine Lungenentzündung einfängt, ins Krankenhaus gefahren und in der Notaufnahme von einem Doktor behandelt werden muss. Wem? Doktor B natürlich. Bisschen komplizierter und A stirbt wahrscheinlich, weil man Aids nicht ohne A schreiben kann und eine Lungenentzündung in dem Fall dann echt ein Problem darstellt, aber fick A, A hatte genug Gelegenheiten in meine Sockenschublade zu pissen und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass alle meine weißen Socken vergilbt sind und das auch noch zufällig immer kurz nachdem A bei mir zu Besuch war. Je mehr ich darüber nachdenke, desto angewiderter werde ich bei dem Gedanken, dass mein guter Freund A jahrelang in meine Schubladen gepisst hat.

Während die kleine Stimme in meinem Hinterkopf mich also weiter durch Schreie darauf aufmerksam machen will, dass die anderen Menschen am Strand gerade meine wirklich hässlichen Füße sehen können, blicke ich mich um. Lauter in die Ferne blickende Menschen, die Schals tragen, so als wären Jacken oder Mäntel mit gefüttertem Stehkragen verpöhnt, weil rumänischen Ursprungs. Ich muss an den Sand denken, der sich zwischen meinen Zehen befindet und frage mich, wie ich diesen da am besten wegbekomme. Ins Wasser will ich nicht laufen, das hat locker Minus 3e^21 Grad (mehr blieb vom Informatikstudium leider nicht hängen, sorry, Mutti). Jetzt einfach die Socken wieder anziehen ist auch kacke, dann hab ich den Scheiß in den Socken, was eine ganz neue Latte von Problemen ins Bild trägt: Auf den ersten Blick erkenne ich, wie Maren Gilzer auf eine entzündungshemmende Salbe zeigt, weil die einzelnen Sandkörner die empfindliche Haut zwischen meinen Zehen aufscheuern würde. Als Nächstes sehe ich einen Wischmob, mit dem ich den Weg von der Eingangstür zum Bad reinigen muss, weil ich mich entscheiden kann: entweder gehe ich mit den Schuhen direkt ins Bad, um diese dann in der Badewanne ausziehen und hinterlasse dabei Schuhabdrücke auf dem Weg oder ich ziehe die Schuhe so wie immer direkt nach dem Betreten der Wohnung aus, hinterlasse dann aber, wenn ich auf Socken ins Bad gehe, um diese dann in den Wäschekorb zu werfen und meine Füße uner dem Strahl (hihi Strahl hihi) des Duschkopfes zu reinigen, auf dem Weg vom Flur ins Bad lauter kleine Sandkörner. Da meine Wohnungstür nicht ganz dicht ist, würden ein paar dieser Sandkörner vermutlich in die Parkettritzen geweht werden und ich hätte diese – potentiell radioaktiven – kleinen Steinchen dann in der Wohnung, wo sie bei mir, in kleinen Rationen, jeden Tag ein bisschen mehr, schlussendlich Krebs verursachen würden. Ich verfluche Maren Gilzer, entscheide mich für einen halbgaren Kompromiss, der besagt, dass ich mir die Socken im Stehen anziehe, eine nach der anderen, aber mir vorher mit der Hand die größten Sandmengen vom Fuß streife. Während ich elfengleich balanciere und anmutig, aber bestimmt und auch rein objektiv sehr männlich meine Füße vom Sand befreie, passiert, was passieren musste: ich falle um und lande im Sand.

Im Sand liegend gebe ich schließlich auf. Ich beschließe, jetzt einfach so lange liegen zu bleiben, bis mir irgendjemand mittelmäßiges Bier bringt. Ein bisschen Sehnsucht kann ich nämlich auch.