Jeden Tag wird man einen Tag älter. Ich bin mittlerweile 33 Jahre alt und werde in durchschnittlich 48 Jahren sterben. Der Durchschnitt, das sind nicht meine anderen Persönlichkeiten oder die anderen Silvesterses (der offizielle Plural) in irgendwelchen Paralleluniversen, der Durchschnitt, das sind die ganzen Leute da draußen und ich.

Je älter ich werde, desto öfter liege ich abends wach und denke über „die ganzen Leute da draußen“ nach. Also nicht über ihre Frisuren, wen sie wählen, ob sie das überhaupt schon dürfen, ob Make-up dafür sorgt, dass ich mich das bei ihnen frage und wieso ihre Eltern nichts dagegen tun, nein, ganz grob über alle Leute und ihren Platz. Hier. Erde. Irgendwo mitten im Weltall. Als Ergebnis irgendwelcher seltsamer chemischer Reaktionen, die das erschufen, auf dem diese ganzen Leute rumstehen, auf dem diese ganzen Leute durch eben jenes Ergebnis fliegen, ohne Ziel.

Von da gibt es dann zwei Abzweigungen. Die eine Abzweigung geht ins Größere – wenn wir nur auf so einer zufälligen chemischen Reaktion durch eine zufällige chemische Reaktion fliegen – wer sagt, dass es nicht unendlich viele weitere zufällige chemische Reaktionen gibt, die gerade genau dasselbe tun?

Ich bin furchtbar schlecht in Astronomie. Der Mond ist aus Käse.

Die andere Abzweigung geht ins Kleinere und ist die einfacher zu durchdenkende, weil naheliegendere – wenn wir nur eine zufällige chemische Reaktion mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum sind, wieso zerbrechen wir uns dann unsere – „evolutionär“ so geformten – Köpfe über so viel Nonsens? Das Leben könnte so einfach sein. Ohne Sorgen. Ohne Termine. Ohne Wohnung. Ohne Essen. Ohne Zwang, die Hose zum Pinkeln zu öffnen. Also schwimmt man mit, in der Hoffnung, vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums möglichst viele Dinge erlebt zu haben, „die man eben unbedingt erlebt haben sollte“. Da gibt es dann Leute, die sich eine „Bucket List“ erstellen, auf der alles vermerkt ist, was sie vor ihrem Tod erledigt haben wollen. Bergsteigen etwa. Oder eine seltsame Sprache lernen. Die dann nie wieder reden und mit ins Grab nehmen. In einem ausgestorbenen argentinischen Dialekt zu Staub zerfallen. Wenn man einen Moment auf die Bremse tritt und von Außen draufguckt, erkennt man, dass dieser Zwang existiert. Selbst, wenn er sich nicht auf irgendwelche Ereignisse beschränkt, die man bei Jochen Schweizer buchen kann. Kinderkriegen, zum Beispiel. Kann man mitmachen. Der Mount Everest wird dann aber gleich nochmal 8848m höher. Man muss sich eben entscheiden. Ab einem gewissen Alter muss man sich entscheiden. Also, sagen die ganzen Leute.

Ich bin furchtbar schlecht in Entscheidungen. Sag du. Wenn ich‘s doof finde, sag ich schon was.

Und dann wirst du älter und älter, merkst, dass du Gelegenheit X und Chance Y nicht ergriffen hast, beobachtest immer die anderen und merkst eines Tages, dass alles, was du getan hast, die anderen zu beobachten war. Tu das nicht.

Vielleicht sagen die Leute, dass man sich sein inneres Kind bewahren sollte, weil sie sich so noch 75 Jahre an Möglichkeiten offenhalten. Okay, das mit dem Mount Everest wird irgendwann echt schwierig, so mit Gehhilfe und allem. Aber welcher 5jährige will auch Bergsteigen?! (Japaner und Rothaarige zählen nicht, das sind keine Menschen.)

Die Sache mit dem Altern ist im Grunde keine Sache. Die Sache mit dem Altern passiert einfach. Und dann bist du tot. Wenn du ein bekannter Sänger warst, läuft an dem Tag dein Lied im Radio. Als Autor schaffst du es vielleicht, dass eines deiner Bücher noch 10 Jahre nach deinem Tod relevant ist. Wahrscheinlich nicht. Alle anderen? Sind tot und verschwinden dann. Egal, wie laut sie davor waren. Egal, wie viele Bilder von ihrer Besteigung des Mount Everests auf Facebook gepostet haben. Einfach verschwunden.

Und dann? Dann sitzt der Nächste da und überlegt sich, was die Sache mit dem Altern ist. Zeitverschwendung nämlich. Zeitverschwendung, wenn sie nicht dafür genutzt wurde, mehr über den Mond herauszufinden als dessen genaue Käsesorte. Keine Zeitverschwendung, wenn man irgendein Forschertyp in einem weißen Kittel war, der die Menschheit einen Schritt weiter raus gebracht hat. Noch einen. Noch einen. Bis wir dann alle vor dem Kochtopf mit der Ursuppe stehen und „Achso. Langweilig. Was kommt im Fernsehen?“ sagen.

Und dann weiter altern.