Prolog:

In letzer Zeit tat ich mich schwer mit mir. Aus irgendeinem Grund musste ich die ganze Zeit an meinen Tod denken und verfiel in regelrechte Panik, dass es irgendwann einfach so vorbei wäre, bevor ich alles gesagt und geschrieben hätte, was ich hinterlassen wollte. Es ist offensichtlich, dass ein gesundes Verhältnis zu sich selbst anders aussieht. Also beschloss ich, mich selbst auf ein Date einzuladen und mir meine beste Seite zu zeigen.

Drama:

Nervosität. Am Morgen meines Kinodates mit mir selbst spürte ich nichts außer Nervosität. Was würde ich mir sagen? Würde ich überhaupt ein Wort herausbringen? Würden wir uns wie Fremde verhalten oder wie Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersehen? Diese Fragen lähmten mich. Ich stand vor dem offenen Kleiderschrank und wusste nicht, was ich anziehen sollte. Normalerweise mache ich mir aus derlei Oberflächlichkeiten nichts und ziehe einfach immer ein schwarzes oder ein weißes Hemd an, aber wie normal ist schon ein Date mit sich selbst? Würde ich casual erscheinen, wäre ein schwarzes Hemd vermutlich snobbistisch und ich hätte mich schon beim ersten Eindruck verloren. Würde es überhaupt einen Unterschied machen, was ich anziehe? Ich definierte mich ja nicht über meinen Anblick im Spiegel, warum sollte ich es dann bei mir selbst tun?

Nachdem ich mich für ein braves Outfit entschieden hatte, über das ich höchstens ein paar BWL- und Männerbrüste-Witze reißen könnte, ging ich in den Arbeitstag. In einer Zigarettenpause sah ich ein absurd überschwänglich knutschendes Touristenpärchen, das gerade am Checkpoint Charlie gewesen sein musste und nun bestrebt war, „The Kiss“ nachzuspielen. 7/10. Dieser Kuss rief in mir die Frage hervor, ob ich mich mögen würde und wenn ja, wie sehr. Ich hoffte, ich würde mich lieben, würde nicht genug von mir bekommen, am Ende vielleicht sogar noch während des Filmes knutschen. Lächelnd klopfte ich auf meine Jackentasche, hatte ich doch morgens in einem Ansturm von Selbstüberschätzung – vermutlich ausgelöst durch das laute Rappen unter der Dusche – vier Kondome eingepackt.

Der Tag tropfte weiter auf meine Schuhe und ich konstruierte im Kopf lauter mögliche Ereignisse des Abends und fragte mich, wie ich wohl auf diese reagieren würde. Wir wären im Kino, sicherlich würde ich mir Popcorn kaufen – wäre ich jemand, der mich einmal kurz fragt, ob er etwas davon abhaben könnte und sich dann wieder und wieder bedient?

Während ich jedes Möglichkeit im Kopf durchspielte, fiel mein Blick immer wieder auf mein Handy und die Uhrzeit – zu einem Date mit mir selbst wollte ich natürlich pünktlich sein.

Eine Stunde vor Beginn des Filmes machte ich mich auf den Weg, beschloss, zu Fuß zu gehen und dabei Komplimente und spontane Reaktionen zu üben. Die Nervosität war mir peinlich, es wäre ja ohnehin nicht möglich, mir gegenüber kooler rüberzukommen als ich eigentlich bin.

Immer noch reichlich verunsichert erreichte ich das Kino und kaufte mein Ticket. Natürlich für den Love Seat, auf dem Ticketwahlbildschirm des Verkäufers waren das zwei zusammenhängende Plätze, die mit einem Herzen gekennzeichnet waren. Immer vom besten ausgehen. Nach dem Kauf der Karte ging ich erneut vor das Kino, um nach mir Ausschau zu halten und Zigaretten zu rauchen. Nach zehn Minuten des Wartens beschlich mich langsam aber stetig der Verdacht, dass ich heute wohl nicht mehr auftauchen würde. Nein, das könnte nicht sein, dachte ich und zündete mir eine weitere Zigarette an. Ich blickte nach links und rechts, dann wieder auf mein Handy, wo ich möglichst intellektuell wirken wollend – ich könnte ja zumindest versuchen, mir selbst was vorzumachen – Wischgesten vollführte. Mir gingen in diesem Moment zahlreiche pubertäre Witze zum Titel des Filmes – „The Big Short“ – durch den Kopf, mit denen ich das Eis brechen wollte.

Wie lang sollte man auf sich warten? Wie viel Geduld sollte man mit sich selbst haben? Wie viel Verspätung sollte man sich selbst zugestehen?

Ich wartete vergebens. Fünf Minuten vor Beginn des Filmes betrat ich das Kino, um mich rechtzeitig in den Love Seat begeben – vielleicht wartete ich ja da auf mich – und mit Popcorn und Cola eindecken zu können.

Mit einer großen Popcorntüte und einem Bottich Cola in den Händen stolperte ich zum Kinosaal. Vor Betreten des Saales stellte ich beides auf einem Cocktailtisch vor den Eingängen ab und atmete durch. Ein Blick auf das Ticket: Reihe F, Platz 21. Linker Eingang, F ist zwischen 14 und 26. Idioten.

Im Kinosaal: Leere. Der Love Seat war leer, als ich ihn erreichte. Ich setzte mich, konnte die quer hinter mir sitzende Mann-Frau-Kombo bei einem Gespräch über Netflix-Accounts belauschen. Würde ich mir den Kopf kraulen, während ich zusammen mit mir auf dem Sofa lag und mehrere Staffeln irgendwelcher Serien an einem Wochenende wegcockte? Wer von uns würde aufspringen, um das Ben&Jerrys aus dem Kühlschrank zu holen? Was ist mit dem Chill-Part? Ich dachte wieder an die vier traurigen Kondome in meiner Jackentasche, verabschiedete mich von dem Gedanken, diese heute noch benutzen zu können. Vermutlich auch besser so, dieser Love Seat war nicht mit Fettsäcken im Kopf designt worden.

Nach dem ersten Werbeblock setzten sich zwei ältere Kerle hinter mich und redeten über Kabel, die man für den Anschluss eines Fernsehgerätes an die Stereoanlage benötigte und dass einer von ihnen wohl demnächst noch mal zu Conrad müsste, um diese zu kaufen. Würde ich mit mir zusammen abnerden? Worüber? Fussball? Rap? Frauen? Das Schreiben? Könnte ich, so sehr ich jemanden herbeisehne, der meinen dümmlichen Geschmack teilt, überhaupt ertragen, mit so einem Nerd konfrontiert zu werden? Würden wir nicht zwangsläufig aneinander geraten, weil ich so gern anti bin?

Ich beschloss, dass ich gut daran tat, nicht aufgekreuzt zu sein. Während des Filmes wurde mir mehr und mehr bewusst, wie gut es tut, all diese Fragen nur im Kopf zu behalten und nicht ausgesprochen und fixiert zu wissen. Jedes einmal gesprochene Wort müsste ich durch ein weiteres gesprochenes Wort relativieren, sollte sich meine Meinung dazu ändern, in meinem Kopf war das anders, da könnte ich einfach reibungslos den Standpunkt wechseln. Ja. Besser so.

Während ich nach dem Film, noch immer ganz verzaubert von Brad Pitts unglaublich schönem Haar, entspannt den Potsdamer Platz entlangtorkelte, stellte ich fest, dass ich mich längst gefunden hatte: Eine Nummer zu groß, alles nicht sonderlich ernst nehmend, aber trotzdem voller Furcht vor einer Welt, die irgendwann jeden verschluckt.

10/10

Epilog:

Natürlich habe ich ihn versetzt. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Bald.

Das ganze Date gibt es auch aus den Egoperspektiven hier.