Mir wurde irgendwann mal vorgeworfen, dass ich nur 3 Witze kennen würde, die noch dazu alle unglaublich plump sind. Ich habe davon nur über Dritte erfahren, weil ich zu diesem Zeitpunkt krampfhaft versuchte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einfing.

Aber ein solcher Vorwurf geht immer ins Mark und für eine Sekunde hoffte ich, eines Tages genug Finesse zu besitzen, um mehr Witze zu kennen und vor allem ohne meinen Fuß wie Telefon zu verwenden, ohne mir dabei einen Hexenschuss einzufangen.

Also arbeitete ich an mir. Ich kaufte Witzebücher. Alle. Ich lernte Witze auswendig. Alle. Doch egal, wie viele Witze ich auswendig aufsagen konnte, es gab immer jemanden, der sich hinstellte und behauptete, dass ich nur 3 Witze kenne, während ich krampfhaft versuchte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einfing.

Vielleicht lag es einfach daran, dass die meisten Leute nicht genug Zeit mit mir verbrachten und so tatsächlich immer nur 3 Witze zu hören bekamen, bevor sich unsere Wege trennten, weil ich mal wieder auf dem Weg ins Krankenhaus war, nachdem ich krampfhaft versucht hatte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einfing.

Mein Therapeut war zumindest dieser Meinung. Und seine Meinung bedeutete mir eine Menge. Schließlich war er es, der mich von allen Menschen aus meinem Umfeld am häufigsten zu Gesicht bekam, da ich wirklich sehr oft versuchte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einfing.

Also versuchte ich mich zu ändern. Zog Gespräche künstlich in die Länge. Das Wetter, die Politik, Sportergebnisse, alles, damit ich dem Drang widerstehen konnte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einzufangen.

Und ich war erfolgreich. Rückblickend bezeichne ich es noch immer als meine größte Leistung, es wirklich mehrere Tage geschafft zu haben, die Professionalität zu wahren, mich zusammenzureißen, wertvolle Gespräche mit meinen Mitmenschen zu führen und für das erste Mal in meinem Erwachsenenleben konnte ich zusehen, was aus meinen Kindern wird, wie sie aufwachsen, was für Freunde sie haben, welches Gemüse sie „voll eklig“ finden, was ihre Lieblingsschulfächer sind und welcher ihr Traumberuf ist. Ich hatte das Gefühl, den Mount Everest bestiegen zu haben, fühlte mich wie ein Vogel, frei, ohne irgendwas, das mich am Boden hielt.

Mein Leben änderte sich von Grund auf. All die Leute, die ich bisher vergrault hatte, die meinen bisherigen Lebenswandel einfach nicht mehr ertrugen, nahmen plötzlich wieder einen Platz ein. Und dieser Platz war nicht im Wartebereich der Notaufnahme, sondern in meinem Wohnzimmer, wo wir Monopoly spielten, uns um Mieteinnahmen stritten und Witze über Menschen rissen, die auf der Straße leben mussten. Ich wartete jeden Moment darauf, dass diese Collage aus Glücksmomenten von kitschiger Musik unterlegt im Zeitraffer abzulaufen begann. Doch die Momente blieben echt, sie berührten mein Herz, einen Tag lief ich seit dem Mittagessen mit einem Stück Spinat zwischen den Schneidezähnen durch die Gegend – als meine Frau mich abends darauf hinwies, lachte ich, bis mein Bauch wehtat. Überhaupt meine Frau – diese Blume meines Lebens, die auch in den düstersten Momenten zu mir gehalten hatte, blühte plötzlich wieder auf, teilweise schaffte sie es nachts sogar, ganze zwei Stunden zu schlafen, ohne schreiend wach zu werden und von einem Weinkrampf wieder fließend in den Tiefschlaf überzugehen. Wir stritten uns kaum noch, ich musste mir teilweise schon Gründe ausdenken, um sie zu schlagen.

All das änderte sich an jedem verhängnisvollen Samstag, als ich „nur mal eben“ in einen Schuhladen gehen und Flip-Flops kaufen wollte. Bis dahin verlief der Tag nicht sonderlich ereignisreich – meine Frau und ich stritten uns am Vormittag beim Betrachten der Überwachungskamerabilder, ob die Nanny da gerade unseren Sohn entjungferte und entschieden uns dann schließlich verantwortungsbewusst dafür, eine bessere Kamera zu kaufen, um bei solchen Fragen in Zukunft HD-Klarheit zu haben. Als ich dann jedoch im Einkaufszentrum ankam und den Schuhladen betrat, prasselten die Bilder auf mich herein. Überall, wo ich hinblickte, waren Schuhe. Füße. Dieser Moment würde meine ganze Kraft brauchen. Ich lief zu den Sandalen. Den Flip-Flops. Suchte mir ein Paar aus, nahm es aus dem Regal, hielt es auf Hüfthöhe. Ein Verkäufer kam auf mich zu, fragte, ob mir die Schuhe gefielen, doch ich bekam das schon gar nicht mehr mit, weil ich krampfhaft versuchte, meinen Fuß wie ein Telefon zu verwenden und mir dabei einen Hexenschuss einfing.

Manche Dinge ändern sich eben nie.

WESSEN FUSS KLINGELT DA?!