Es gibt wenige Dinge, die mir so viel Angst bereiten wie der Tod.

Ich könnte jetzt alle aufzählen und natürlich wäre das wieder eine Liste, die der Regel der Drei folgt und zwei irgendwie naheliegende Dinge beinhaltet und eine Sache, die einfach nicht in diese Reihe passt und dadurch zur Pointe wird (Beispiel: Angela Merkel, CDU, Demokratie). Aber darum geht es nicht.

Nichts bereitet mir so viel Angst wie der Tod.

Der Tod, das ist der Punkt, ab dem man nicht mehr dazugehört.

Ich bin kein Mensch, der jeden Tag die Nachrichten verfolgt, um unbedingt auf dem Laufenden zu sein und immer zu wissen, worüber man sich gerade empören muss, aber der Tod bedeutet, dass ab jetzt wirklich nur noch die anderen mitmachen.

Früher habe ich gerne Schach gespielt. Die ersten Züge spielte ich immer nachlässig und überlegte nur die nächsten 2,3 Züge meines Gegners, aber irgendwann hatte der aufgrund dieser Herangehensweise die Oberhand und machte das Spiel für mich so wieder interessant, war es zu Beginn noch völlig offen, so war nun viel naheliegender, dass ich verlieren würde.

Vielleicht lebe ich ja so. Nach dem dritten Bypass lege ich das Fast Food weg, nehme die Hände hinter den Rücken und folge den Anweisungen des Polizeibeamten.

Der Tod bedeutet immer, dass man jemanden zurücklässt. Ich will nicht zurückgelassen werden und ich will nicht zurücklassen. Als Scheidungskind ist Einsamkeit etwas, das sich verdient anfühlt, aber gleichzeitig wie eine Strafe. In einem Raum voller miteinander redender Menschen finde ich die isoliert-stillen Anwesenden am interessantesten und versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln.
Das Problem am Zurücklassen beginnt schon beim Zurück. Das Zurück ist immer mit Schmerz verbunden. Der Schmerz, dass etwas nur noch rückblickend angesehen werden kann oder der Schmerz, das überhaupt zu tun. Jeder Kalender weiß inzwischen, dass man nur im Vorwärts leben kann und sollte. Das Zurück, das sind die alten Schulhefte, aber nicht die, in denen der Lehrer etwas besonders Obskures an den Rand geschrieben hat oder man herausragend gut oder deprimierend schlecht war, sondern Notizen ohne Zusammenhang, die man mit Symbolkraft behängt, bis diese die Tränensäcke herunterzieht.
Und lassen? Lassen ist deprimierend. Lassen ist nie in ein Laissez-faire getaucht, man selber ist der Passagier und das Leben fährt einen schon überall hin. Das Lassen ist ein Aufgeben. Vielleicht nur ein kleines. Es bleibt ein Aufgeben.
Zurückgelassen. Das Leben ist als Konzept Hilflosigkeit, weil man es nicht wollte. Innerhalb dieser Hilflosigkeit auch noch die Kontrolle zu verlieren macht mir Angst.

Ich hatte bislang immer das Glück, dass ich niemanden verloren habe, der mir wichtig ist. Natürlich hatte ich Liebeskummer und Freunde wohnten plötzlich in anderen Städten oder hatten andere beste Freunde oder fanden, dass doch nicht Hasensaison, sondern tatsächlich Entensaison ist, aber ich hatte – und ich bin mir des Glückes bewusst – noch keinen Verlust zu verkraften, der mir wirklich nahe ging.
Im Grunde sage ich damit nur, dass meine Mutter noch lebt.
Ich habe keine große Familie, mein Vater ließ uns zurück, als ich 7 oder 8 war. Eigentlich war es umgekehrt, aber das ist die Perspektive der Erwachsenen im Fahrersitz. Für mich da hinten auf der Rückbank war das nicht erkennbar. Von dem Tag an bestand meine Familie aus 1 Person. Diese 1 Person war und ist der einzige Grund, weshalb ich lebe, weshalb ich meine Existenz manchmal als nicht völlig wertlos romantisiere und weshalb ich in der Lage bin, dieses Gefühl auch an andere Menschen weiterzugeben.

Nicht zurücklassen. Nicht zurückgelassen werden. Das erste hatte ich selber in der Hand. Das zweite werde ich nie in der Hand haben. Machtlosigkeit. Wir sind irgendwelche Atome im Irgendwo, die irgendwas machen und haben dabei das Gefühl, dass wir das irgendwie beeinflussen oder gar steuern können.

Wenn man stirbt und Glück hat, denkt irgendjemand an das Leben, das man geführt hat und zuckt anschließend nicht mit den Schultern und schüttet Asche auf das Massengrab. Mehr kann man nicht erwarten. In Anbetracht der vielen Menschen, die es auf dieser Welt bereits gab und die abgeschlachtet wurden, ohne dass jemand mit den Schultern zuckte, während sie irgendwo verscharrt wurden, kann man einfach nicht mehr erwarten. Ich will keine Urne im Wohnzimmer sein, die Hinterbliebene immer wieder daran erinnert, dass der Tod existiert. Ich will kein wunderschöner Sarg aus purem Gold sein, der die Hinterbliebenen bei der Beerdigung daran erinnert, dass sie Schulden beim Bestatter haben. Die Sache mit den Atomen im Irgendwo nimmt dem Zerfall des eigenen Leichnams die Poesie. Vielleicht sollte man aus meinem Kopf eine Bowlingkugel machen und den Rest ausschlachten. Ich habe Angst davor, dass mich Organhändler 2 Minuten nach meinem Tod leerräumen und 3 Minuten nach meinem Tod ein Heilmittel erfunden wird, dass mich wiederbeleben und mir ewiges Leben schenken könnte.

Die Erde wäre zu voll, wenn ewiges Leben existieren würde. Lauter Narzissten, die das eigene Ende nicht ertragen können, die Angst haben, etwas zu verpassen oder zurückzulassen. Vielleicht wäre ich da in guter Gesellschaft.

Ich weiß nicht, wie ich am liebsten sterben würde. Die meisten Menschen antworten auf diese Frage immer mit dem Mythos des schmerzfreien Todes im Schlaf. Das finde ich zu egoistisch – zumindest wenn man nicht allein schläft. Ich will nicht, dass meine Hinterbliebenen nach dem Aufwachen immer an mein lebloses Gesicht denken und erst 2 Sekunden später feststellen, dass das 8 Jahre her ist. Und falls es keine Hinterbliebenen gibt, möchte ich nicht erst 3 Wochen nach meinem Tod von Nachbarn entdeckt werden, völlig von Maden zerfressen. Ich würde das Ende gern selber bestimmen, aber das kann niemand – falls ich es doch könnte, dann wäre dieses Ende niemals, also füge ich mich dann irgendwann einfach meinem Schicksal. Es gibt keine schöne Art zu sterben, weil man danach tot ist.

Ich glaube nicht an den Himmel oder die Hölle, auch wenn ich beide Orte im Wortschatz habe und gelegentlich erwähne. Auch diese Poesie wird durch diese Sache mit den Atomen im Irgendwo zerstört. Abgesehen davon wüsste ich nicht, in welcher Form ich da ankäme. In bildlichen Darstellungen landet man da immer in seiner „besten“ Form, also wahrscheinlich mit Mitte 20, bei mir wahrscheinlich irgendwas in den 40ern, aber ich hatte nie eine „beste“ Form und was, wenn das einfach nur bedeutet, dass man da als Baby rumkrabbelt und bis zum Ende aller Tage eine immer saubere Windel und keinen Hunger hat? Das Konzept ist Blödsinn, man stirbt, zerfällt in Atome, wird Blume, Stein, Wasser, Kacke, Kautschuk und zu Teilen dann auch wieder irgendwelche Menschen, die dann wiederum selbst irgendwann Blume, Stein, Wasser, Kacke, Kautschuk und wieder andere Menschen werden. Bis die Sonne stirbt und in ihre Atome zerfällt. Blume, Stein, Wasser, Kacke, Kautschuk.